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09.02.2019

Beim Kicken siegt die Integration

HEDDESHEIM - PROJEKT „WIR SPRECHEN SPORT!“ BRINGT DEUTSCHE UND FLÜCHTLINGE ZUSAMMEN / FUSSBALLSPIELEN UND SOZIALKOMPETENZEN STÄRKEN

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1/2 Projektkoordinator Ciamak Abkai (l.) und TG-Vorsitzender Wolf-Günter Janko (r.) mit den Freizeitfußballern des Integrationsprojekts „Wir sprechen Sport!“. © Keiper

2/2 Beim „Check-in“ (v.l.): Robin Charissé, Ciamak Abkai und Nangialay Omari. © Keiper

Mannheimer Morgen: 09. Februar 2019 | Autor: Anja Görlitz (agö)

Beim „Check-in“ bilden die rund 20 Fußballspieler an diesem Abend zwei Kreise. Einen kleineren innen, einen größeren außen, so dass sich immer zwei Spieler gegenüberstehen und ansehen. „Lernt Euch kennen!“, fordert Ciamak Abkai die Paarungen auf: „Stellt W-Fragen!“ Nicht alle wissen, was das ist. Etwa die Hälfte der Freizeit-Kicker, die sich immer mittwochs in der Nordbadenhalle Heddesheim treffen, sind Flüchtlinge. Initiator Abkai, den hier alle „Cia“ nennen, erklärt deshalb, worauf es ihm ankommt: den Partner so zu fragen, dass ein echtes Gespräch entsteht.

Yaar Mohammad Shahamat überlegt kurz. „Was hast Du heute gemacht?“, fragt der 26-jährige Afghane dann sein Gegenüber. Und erfährt: Kolja Straub (19) war zum Essen bei der Oma, hat die Schwester von der Schule abgeholt und ein bisschen für die Uni gelernt. „Geht noch tiefer!“, rät Cia den beiden: „Ihr wollt den anderen kennenlernen!“ Nach einer Minute pfeift er ab, der Kreis rotiert, die Paare wechseln.

„Etwas für die Persönlichkeit“

Kommunikation ist ein zentraler Baustein des Integrationsprojekts „Wir sprechen Sport!“, das Abkai im vergangenen Herbst mit Unterstützung der Turngemeinde und des Arbeitskreises Flucht und Asyl Heddesheim ins Leben gerufen hat. Das „Check-in“ am Anfang und das „Check-out“ am Ende jeder Trainingseinheit verdeutlichen: Es geht hier längst nicht „nur“ ums Fußballspielen. Elemente der Teambildung und -leitung, der Gruppendynamik und des Coachings fließen hier ein, erklärt Abkai, der in der TG auch die Abteilung Volleyball leitet.

„Unser Ansporn ist es, den Teilnehmern etwas für ihre Persönlichkeit mitzugeben, also nicht nur eine Stunde Sport“, unterstreicht TG-Vorsitzender Wolf-Günter Janko. In der Anlaufphase springt deswegen der Verein bei der Finanzierung in die Bresche. „Das ehrenamtliche Engagement anzuerkennen, ist dabei noch wichtiger als das Geld“, lobt Janko die Initiative Abkais. Dieser freut sich, inzwischen die Spendenzusage eines großen Unternehmens aus der Region in der Tasche zu haben. Hallenmiete und Materialanschaffung sollten damit fürs Erste gedeckt sein. Eine langfristige Lösung erhofft er sich von einer Bewerbung um eine Förderung beim Badischen Sportbund.

„Im November sind wir zunächst in die Pilotphase gestartet, um mal zu schauen, wer kommt“, erzählt der 38-Jährige. Die Resonanz habe ihn selbst überrascht. „Das hätte ich nie gedacht, ganz toll“, sagt er und dankt insbesondere dem Arbeitskreis Asyl um Melanie Brunner-Straub, der mit Erfolg die Werbetrommel gerührt und viele Teilnehmer für das Projekt gewonnen hatte - vom Schüler bis zur Generation „Ü50“. Etwa die Hälfte der rund 40 Hobby-Kicker, die in wechselnder Besetzung zusammenkommen, sind Deutsche, betont Abkai: „Uns war sehr wichtig, dass die Gruppe gemischt ist.“ So könnten beide Seiten mit- und voneinander lernen: „Projekte, in denen Flüchtlinge isoliert unter sich sind, gibt es ja schon viele.“

Sprachbarrieren fallen

Überwiegend „unter sich“ blieben die Nationalitäten bei den ersten Treffen zunächst dennoch, räumt er ein: „Da gab es die klassische Grüppchenbildung.“ Auch eine Frage der Sprachbarriere: „Aber im Spiel kommt der Flow, dann läuft’s, da muss ich mich verständigen.“ Und schon nach drei, vier Trainingseinheiten habe er einen „Riesensprung“ feststellen können: „Man hat gemerkt, da passiert was.“

Der 26-jährige Shahamat, seit rund drei Jahren in Deutschland, bestätigt das: „Vorher kannte ich noch nicht so viele Leute aus Heddesheim“, erzählt er. „Jetzt viel mehr, auch aus der jüngeren Generation.“ Wie sein ein Jahr jüngerer Landsmann Naseer Noori wohnt er in der Unterkunft an der Fohlenweide, zu sechst in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Er spielt in der TG Volleyball und kommt bereits seit dem Start zu den Fußball-Treffen in die Nordbadenhalle. „Hier kann man die Sprache noch besser lernen“, findet Noori und lobt: „Das ist eine gute Idee.“

Nach der Frage-Runde geht es an die sportliche Aufwärmphase. „Etwas Technik ist die zweite Komponente unseres Check-Ins“, erklärt Abkai. „Schnelle, präzise Bälle“ sollen sich die Teilnehmer zuspielen. Zwischendrin den Ball um den Fuß kreisen lassen, etwas dribbeln, abspielen. Dann geht es ans Kicken, und mit den Toren fallen die letzten Sprachbarrieren zwischen Deutschen, Afghanen, Syrern und Gambiern von allein. Am Ende siegt: die Integration.

Kontakt Projekt "Wir sprechen Sport": Ciamak Abkai, Mail: ciamak.abkai@remove-this.tgheddesheim.de 

© Mannheimer Morgen, Samstag, 09.02.2019

Zum Artikel im Mannheimer Morgen (morgenweb)